Ritual

In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es den Versuch das Verhältnis von Kunst und Philosophie neu zu verhandeln. ( Kunst und Philosophie, Kunstforum International, Band 102 / 1989) Dieser Band reflektierte die Fragen aus verschiedenen Perspektiven. Das Verhältnis zwischen Kunst und Sprache sowie Bild und Text wurde problematisiert. Eine Diskursmaschinerie aus Ausstellungskatalogen, Kommerzkunst und Kunstgeschichtskommentaren trat die Macht über die Kunst an. Parallel dazu entwickelten französische Philosophen kunstimmanent produktive Dialoge, die an einem rationalistisch hermeneutischen Erklärungsmodell von Kunst zweifelten. Sinn in einer hermeneutischen Deutung von Kunst wurde hinterfragt. Der Dekonstruktivismus in Philosophie und Architektur spiegelte ein neues Verhältnis zur Welt. Die nahende Jahrtausendwende warf einen Schatten voraus, Nietzsches „Umsturz aller Werte“ ereignete sich analog zur Wende vom 1900 zum 20. Jahrhundert erneut. Der Disput, besonders um, „Was ist ein Bild“ [1], in einem weiten Sinn fokussierte sich zur Jahrtausendwende besonders auf der Folie der raschen Entwicklung digitaler Bildwelten.

Entwicklung digitaler Bildwelten.

Ruff reflektierte 2004 das traumatische Ereignis der Zerstörung des Worldtrade -Centers zum Beginn der Jahrtausendwende in einem C-Print. Das Ereignis verbreitete sich schon Live während der schrecklichen Vorgänge in den unterschiedlichsten Medien in sekundenschnelle rings um den Globus. Das Foto von Ruff reflektiert den Status des Mediums als binären Code und historisiert die Zerstörung des Urbildes des Kapitalismus. Das Bild der Zerstörung entfesselte innerhalb der Welt interkulturelle Verwerfungen zwischen der westlichen und islamischen Welt, dieser Bilderstreit dauert bis in die Gegenwart fort. Die parallele Existenz von heterogenen Bildwelten aus unterschiedlichsten Kulturen, vor allem deren totale Verfügbarkeit zur Verwendung in allen Kontexten sowie die Simultaneität des Auftretens erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit für den Umgang mit Bildwerken. Zerstörung wird beispielsweise auch in dem religiösen Ritual praktiziert. (Graz 2002)

 

Die Hand des Dalai Lamas vernichtet mit dem Ritualgegenstand Varja, einem Diamantzepter oder Donnerkeil, während des Kalachakra Rituals 2002 in Graz das Sandmandala. Das Ereignis der Zerstörung des Rades der Zeit hier, wie in vielen anderen Ritualen von Weltreligionen, ist zentraler Bestandteil der Performativität des Religiösen. Die Wirksamkeit der heiligen Handlung ist, bis zur Entleerung der farbigen Sandkörner in den nahe gelegenen Fluss, ein Vorgang, der Welterfahrung konstituiert.

     

Die ersten durch den Dalai Lama vollzogenen Linien erzeugen den Weltenbau, erschaffen ein holistisches Bild der Welt. Die Sicht auf den Meru, der als Weltenberg Bestandteil vieler Mythen der Völker war, wird als sinnstiftende Setzung, als archetypische Bildstruktur von Mönchen rituell aus feinem Sand gesiebt. Das Reliefbild gleicht immer wieder dem genau ähnlichen Weltenberg, er wird als symbolisches Kultbild gebaut und am Ende des Rituals wieder zerstört. Festgelegte heilige Symbole sind in Ritualen festgefügt und werden nicht durch Menschen als individuelle Künstler gestaltet, sondern durch göttliche Gesetzte manifestiert. Die Kunst dient ganz der Religion. Nicht nur eine Sprechhandlung als performativer Akt durch den Dalai Lama, sondern ebenso ein gestischer und ritueller Vollzug, der die Beteiligten zu einer Transformation des Bewusstseins führen soll. Im Kontext der Religion erscheint für die Gläubigen dies als eine geistige Wirksamkeit, eine Realpräsenz von gesteigerter Aufmerksamkeit eingewoben in Klänge, Farben, Gerüche und Handlungen, ein religiöses „Gesamtkunstwerk“ zur Erhaltung menschlicher Kultur im Zusammenhang mit uralten kosmologischen Mythen. Im 21. Jahrhundert eine schwer für ein aufgeklärtes rationales Bewusstsein nachzuvollziehende Tatsache.

Allerdings sind im 19.Jahrhundert in Europa durch die Säkularisierung und Autonomie der Kunst im Zuge der Individualisierung ästhetische Entwürfe entstanden, in denen Künstler Werke in Musik, Literatur, Theater oder Malerei schöpften, die auch ins Herz der Transformation des Bewusstseins reichen. Zwischen östlicher und westlicher Kunst gab es im 20 uns 21.Jahrhundert viele Migrationsbewegungen. Die Modereligion Buddhismus gestaltet kaum individuelle Werke. Die Spiritualität und Mythen alter Religionen weisen zu modernen Kunstwerken jedoch Parallelen auf. Wolfgang Laib thematisiert im Kontext buddhistischer Spiritualität beispielsweise die Lichtenergie von Blüten.



[1]  Gottfried Böhm. Was ist ein Bild. 1994